Leseprobe

Leseprobe aus „Lehrer – Beruf und Berufung“

Während des Unterrichts in Physik und Mathematik (es war der gleiche Fachlehrer) zwang ich mich mitzudenken, um wenigstens überall die 3 zu erhalten. Ich wollte lernen! Aber ich hatte nicht mit dem Charakter meines Lehrers gerechnet! Er kannte meine Schwächen und wusste, dass ich eine Niete in diesen Fächern war- so jedenfalls kam ich mir bei ihm vor, denn jede Frage, die er an mich stellte, war bereits mit einem Unterton vermischt, aus dem ich meine Schwäche heraushörte.

Während Hella, unsere Klassenbeste, mit Hella angeredet wurde, sagte er zu mir: „Meier, geh zur Tafel, vielleicht kannst du wenigstens die zwei Zahlen richtig verbinden!“ (Zu allem Übel hieß ich mit dem Familiennamen auch noch Meier!).

Ich konnte es nicht, d.h. ich konnte es, aber der Trotz über diese Art der Behandlung lähmte meinen Willen. Ich empfand nur Hass auf ihn und war nicht klug genug zu zeigen, dass ich es auch ohne seine hässliche Art geschafft hätte.

Nun, es kam, wie es kommen musste .Die Arbeit! Ich saß auf der letzten Bank, natürlich damit ich nicht abgucken konnte und malte, weil ich die Sachaufgaben gar nicht verstand. Immer, wenn mein Mathelehrer bis ganz hinter kam, sah er auf mein leeres Blatt, grinste mich an und ging wieder weg.
Oh, wenn er doch nur ein einziges Wort des Mutes für mich gehabt hätte! Er ließ mich einfach malen. Natürlich gab’s eine 5, daheim die Wochenenddresche vom Vater, die Tränen der Mutter, das Ausgehverbot für mindestens 2 Wochen und meinerseits sämtliche in meinen Worten auszudrückende Versprechen, mich wieder zu bessern.

Ich tat es auch, denn ich fühlte mich selbst nicht wohl mit diesen Ergebnissen. Ich lernte, aber es war ein stumpfes Lernen ohne Freude. Ich hasste nicht nur diesen Lehrer, sondern plötzlich die ganze Schule.

Ich machte meine Aufgaben, das Nötigste jedenfalls, versuchte mich auch einmal im Schulchor. Ich hatte durch meinen vierjährigen Klavierunterricht ein gutes Gehör und so durfte ich in dem Lied „Dieser Kuckuck, der mich neckt “ den Kuckuck dazwischen rufen. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass mein Musiklehrer mich für talentiert hielt und bei dem Chorauftritt vor allen Lehrern mich zum Solokuckuckrufen ausgesucht hatte. Erstmals bekam ich eine Chance. Ich wusste, dass die vielen „guten“ Schülerinnen mich beneideten. Ich war aufgeregt.

Zum Auftritt wollte ich mein Bestes geben. Wir standen im „heiligen“ Lehrerzimmer. Alle Lehrer – auch mein Mathe – und Physik – Lehrer -saßen mit gönnerhaften Mienen vor uns. Mein Einsatz kam, aber ich rief mein Kuckuck einen Takt zu zeitig. Es war mein letzter Chorauftritt – also doch bescheuerte Schule!!!